Nachdem Stephan hier ja schon über Kiva, die Onlineplattform zur Vermittlung von Mikrokrediten, geschrieben hat, sollen hier nun auch noch ein paar Worte von mir folgen. Insbesondere möchte ich auf die Kritik eingehen, die zum einen diesem Spiegel-Artikel zu entnehmen ist, welche ich in ähnlicher Form aber auch schon selbst von diversen Mikrofinanzexperten vernommen habe.
Obwohl es den Eindruck macht, kann über Kiva einer armen Kleinstunternehmerin aus einem Schwellen- oder Entwicklungsland nicht direkt ein Kredit gegeben werden. Was man allerdings mit Hilfe der Kiva-Plattform machen kann, ist Geld an eine Mikrofinanzinstitution weiterzuleiten, die es wiederum an die ausgewählte Person verleiht. Besagte Mikrofinanzinstitution erhält das Geld dabei unentgeltlich, verlangt aber durchaus Zinsen von der Endkundin. Das ist gut und richtig so, liegt es doch in der Natur der Sache, dass die Transaktionskosten von Mikrofinanzinstitutionen verhältnismäßig hoch liegen (wer hier mehr wissen will, kann gerne einen Blick in meine Diplomabreit über Mikrokredit-Zinsen werfen). Dies wird in der Fachwelt auch nicht kritisiert, ganz im Gegenteil. Der eigentliche Vorwurf der ExpertInnen besteht nämlich darin, dass die Mikrofinanzinstitutionen selber keine Zinsen an Kiva zahlen müssen. Durch diese zinslosen Darlehen würden Kivas Partnerorganisationen einen nicht marktkonformen Wettbewerbsvorteil erhaltenen. Dieser könnte wiederum die Vernachlässigung alternativer Finanzierungsquellen, wie z.B. lokaler Spareinlagen, nach sich ziehen und mittelfristig zu einer Abhängigkeit von Kiva führen.
Abgesehen davon, dass es interessant ist, dass diese Vorwürfe u.a. von Vertretern staatlicher Entwicklungszusammenarbeitsinstitutionen kommen, die ja selber in der Regel zumindest stark subventioniert Darlehen vergeben (+ Beratungsgoodies), wurde hier meiner Meinung nach auch ein anderer wichtiger Punkt außer Acht gelassen. Kiva war und ist ein Startup, welches zum Zeitpunkt des Spiegelartikels gerade mal 2 Jahre auf dem Buckel hatte (davon 6 Monate als nebenberufliches “Hobbyprojekt”)! Noch dazu von Menschen gegründet, die einen technischen und keinen entwicklungspolitischen Hintergrund haben. Man verstehe mich nicht falsch, es liegt mir fern eine womöglich schädliche Institution mit Unwissenheit bzw. mangelnder Fachkenntnis zu entschuldigen. Ich plädiere aber stark dafür, sich mit einer Bewertung etwas mehr Zeit zu lassen. Zu erwarten, dass Kiva knapp 2 Jahre nach Gründung bereits alles richtig macht, erscheint mir geradezu naiv. Außerdem lässt sich der Vorwurf der zinslosen Darlehen an Mikrofinanzinstitutionen zumindest abschwächen, indem man die zusätzlichen Transaktionskosten beachtet, welche durch eine Partnerschaft mit Kiva entstehen. Von jeder Kreditnehmerin ein eigenes Onlineprofil zu erstellen ist im Verhältnis zu Kreditsummen von teilweise kaum 100 US$ durchaus ein Kostenfaktor (die Kreditsachbearbeiter arbeiten durchaus nicht ehrenamtlich).
Inzwischen wurden die oben aufgeführten Risiken auch von Kiva erkannt und so kann eine Mikrofinanzinstitution maximal 30% ihres Kreditportfolios durch Darlehen von Kiva decken. Somit wird zumindest einer kompletten Abhängig von Kivas Geldmitteln ein Riegel vorgeschoben. Zusätzlich schließt Kiva für die Zukunft nicht aus die Kredite nicht mehr völlig kostenfrei weiterzugeben. Damit könnten nicht nur die oben beschriebenen Marktverzerrungen vermieden werden, sondern es würde auch eine nachhaltige Finanzierung von Kiva selbst ermöglicht (wie man das marketingtechnisch über die Bühne bringen will steht auf einem anderen Blatt).
Wer jetzt noch am Engagement, Innovationskraft und Lernbereitschaft von Kiva zweifelt, dem sei dringend das oben eingebettete Video mit Kivas Präsidenten Premal Shah empfohlen (leider nur auf Englisch). Denke von dem kann sich der/die ein oder andere Aktive im gemeinnützigen Sektor noch ne Scheibe abschneiden (der Schreibende eingeschlossen).




















Erstellt am 18.5.2008 um 1:36
Vielleicht sollte man das “Deutsche Modell” exportieren. D.h. der subventionierte Kredit wird nicht durch den Subventionsgewährer weitergereicht sondern über eine “normale Bank”. Die meisten Fördermittel der KFW werden so vergeben und nur im Falle des Credit Events wird dann die KFW in Anspruch genommen. Die KFW verleiht so, oft eigentlich kein Geld sondern nur eine gute Bonität.
Im Fall des Entwicklungslandes könnten auch zusätzlich die Prüfungskosten getragen werden.
Die Kritik im Spiegel mag ich eh nicht nachvollziehen, jede Form der Subvention verzerrt immer Märkte, das ist ja auch ihr Ziel.
Erstellt am 18.5.2008 um 2:44
Hi Sascha!
Danke für den Kommentar. Bin allerdings nicht 100% sicher, ob ich Dich richtig verstehe. Im Fall von Kiva ist ja in der Regel eine Privatperson aus einem Industrieland der Subventionsgewährer. Diese hat aber, wie auch Kiva selbst, gar nichts mit der eigentlichen Kreditnehmerin zutun. Diese erhält das Darlehen ja von einer Kivas Partnerorganisationen. Insofern ist man da dem Modell wie es auch von der KfW betrieben wird gar nicht so unähnlich, oder habe ich Dich falsch verstanden?
Erstellt am 18.5.2008 um 12:40
Hi Basti,
im Spiegelbeitrag wird ja vermutet, dass die Mikrofinanorganisationen den lokalen Kreditmarkt stören und damit Marktangebote verdrängen weil sie Subventioniert in Wettbewerb treten. Der Hauptunterschied zwischen dem KFW Modell und dem Kiva Modell ist (wenn ich es richtig verstanden habe), dass die lokalen Partner im Kiva Fall keine Kreditinstitute sind die normales Bankgeschäft betreiben.
Gibt es eigentlich Genossenschaftliche Modelle ähnlich den Kreditgenossenschaften in D?
Erstellt am 18.5.2008 um 12:56
Hi Sascha,
im Fall von Kiva scheint es in der Tat so, dass die meisten, wenn nicht alle Partnerorganisationen, keine Banklizenz haben, sondern als NGO firmiert sind, wobei es auch da natürlich zahlreiche Unterschiede im Detail gibt. Praktisch ist der Unterschied allerdings oftmals zu vernachlässigen, da de facto Bankgeschäfte gemacht werden (zumindest auf der Kreditseite). Die Grameen Bank in Bangladesch ist beispielsweise eine offizielle Bank, ihre Hauptkonkurrenten (BRAC, ASA… ) sind jedoch durchweg NGOs.
Was genossenschaftliche Modelle angeht, so gibt es die meines Wissens nach durchaus, müsste mich hier aber noch mal schlau machen.
Erstellt am 22.5.2008 um 17:59
[...] kommen würde (ich verweise hier auf diesen Artikel auf Spiegel Online - auf den Basti hier noch etwas näher [...]
Erstellt am 7.6.2008 um 15:18
[...] aber durchaus Zinsen zahlen, allerdings in geringerer Höhe, als am Markt üblich. Das Geld wird Mikrofinanzinstituten vor Ort von Kiva.org unentgeltlich zur Verfügung gestellt, die dies dann verleihen - gegen einen geringeren Zinssatz, als andere [...]