Wie hier ja bereits angekündigt, will ich anhand eines konkreten Beispiels nochmals auf das Thema der Evaluierung von gemeinnützigen Organisationen eingehen. Es handelt sich dabei meiner Meinung nach um ein ebenso wichtiges wie komplexes Feld, insbesondere wenn man sich nicht auf strittige Evaluierungskriterien wie die Höhe der Verwaltungskosten oder der Vergütungsmodelle der Mitarbeiter beschränkt. Sobald man sich an die wirklichen spannenden Fragen tastet, nämlich wo man mit seiner Spende am meisten Gutes bewirken kann, wird die Angelegenheit sehr, sehr schnell fast unüberschaubar komplex.
Dies war jedoch für Holden Karnofsky und Elie Hassenfeld kein Grund sich der Herausforderung zu entziehen. Die beiden haben letztes Jahr ihre gut bezahlten Hedgefond-Jobs aufgegeben bzw. im Fall von Elie ruhen lassen, um sich dem Aufbau der gemeinnützigen Organisation Give Well zu widmen. Ursprung für die Gründung war laut dieses New York Times Artikels, der vergebliche Versuch der beiden, sinnvolle Empfehlungen bezüglich spendenwürdiger Organisationen zu finden. Natürlich gibt es auch in den USA seit langem Institutionen die sich, wie beispielsweise Charity Navigator, der Evaluierung gemeinnütziger Organisationen verschrieben haben. Ähnlich wie in Deutschland beschränken sich diese jedoch auf leicht messbare, dafür aber in der Regel wenig aussagekräftige Kennzahlen (siehe oben).
Schnell erkannten die beiden, dass man hier nebenberuflich nicht weiterkommen würde und begannen daher ein Konzept zu entwerfen und ihn ihrem Bekanntenkreis Geld für das Unterfangen zu sammeln. 300.000 US$ später (ich wünschte ich hätte mehr Freunde in der Hedgefund-Szene… ) war Give Well geboren und man machte sich an die eigentliche Arbeit. Ziel war und ist es, die besten Organisationen zu finden und nicht bloß solche, die es gut meinen und halbwegs seriös arbeiten. Hierzu wird eine große Zahl von NGOs unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Untersuchungen analysiert, wobei sich das konkrete Vorgehen von Give Well ganz grob in 5 Schritten unterteilen lässt:
- Gemeinnützige Organisation welche in einem ausgewählten Bereich tätig sind identifizieren.
- Erste Prüfung von durch die Organisationen selbst zur Verfügung gestellten Projektdokumentationen.
- Tiefergehende Analyse der bisher vielversprechendsten Kandidaten.
- Transparente, ausformulierte und öffentlich zugängliche Darlegung der Entscheidung unter Angabe aller Quellen und subjektiver Werturteile.
- Feedback sammeln und kontinuierlich dazulernen.
Als zentraler Punkt mag hier Punkt Nummer 3 erscheinen, wobei ich von den letzten Punkten sogar noch mehr beeindruckt war. Transparenz wird bei Give Well nämlich wirklich mehr als groß geschrieben. Da man sich bewusst ist, dass die ausgesprochenen Empfehlungen niemals perfekt und immer auch subjektiv sein werden, hat man beschlossen den Entscheidungsprozess komplett offenzulegen und aktiv um Feedback zu bitten. Das fängt bei Verweisen auf sämtliche Quellen an und hört bei der Möglichkeit auf, sich die kompletten Sitzungen des Beirates als MP3 herunterzuladen.
Ich will mich im Rahmen dieses Blogartikels jedoch auf den 1. Punkt beschränken, verdeutlicht er doch besonders gut, warum man das Vorgehen von Give Well momentan noch nicht so einfach auf Deutschland übertragen kann (bezüglich der anderen Punkte empfehle ich die Homepage oder noch besser den Blog von Give Well). Eines der beiden ersten Untersuchungsgebiete von Give Well war die Entwicklungszusammenarbeit. Um hier eine erste Auswahl von Organisationen zu treffen, immerhin gibt es in den USA ca. 1,7 Millionen NGOs, ging man folgendermaßen vor: Man kontaktierte die Organisation Guidestar, welche in den USA über einen weitgehend kompletten Datensatz aller gemeinnützigen Organisationen verfügt. Diese beauftragte man damit nach bestimmten Filterkriterien eine Vorauswahl zu treffen. Neben dem Tätigkeitsbereich wurde die Suche auf Organisationen beschränkt, die ihren Sitz in New York haben und im vergangen Jahr Ausgaben von mindestens 1 Million US$ hatten, bzw. Organisationen die im letzen Jahr Ausgaben von mehr als 50 Millionen US$ hatten, unabhängig von ihrem Sitz. Ohne auf Sinn oder Unsinn dieser Kriterien eingehen zu wollen, sei gesagt, dass der Aufwand eine entsprechend komplette Liste zu bekommen wohl kaum mehr als einen Nachmittag (und ein paar Dollar) in Anspruch genommen haben dürfte.
Man stelle sich dies nun einmal in Deutschland vor. Wen frage ich denn, wenn ich eine auch nur ansatzweise komplette Liste aller Organisationen im Bereich Bildung und Entwicklungszusammenarbeit (anfänglicher Fokus von Give Well) haben möchte? Außerdem sollen diese noch ihren Sitz in Berlin und im letzten Jahr Ausgaben von mehr als 1 Million € vorweisen können. Klar gibt es auch in Deutschland schon diverse Datenbanken, aber die meisten stellen wenig bis gar keine Filterkriterien zur Verfügung und vor allem ist keine auch nur ansatzweise vollständig. So stolz wir auf das bisherige Angebot von Helpedia auch sind, so müssen wir doch zugegeben erst ganz am Anfang zu sein, denn auch wir decken mit unseren gut 1.500 Organisationen gerade mal 1 knappes Prozent von dem ab, was es in Deutschland gibt.
Lange Rede kurzer Sinn, auch wenn ich in Deutschland noch sehr großes Potential für die Evaluierung von gemeinnützigen Organisationen nach qualitativen Gesichtspunkten sehe, so glaube ich, dass hier erstmal noch Grundlagenarbeit geleistet werden muss. Ein Anfang wäre hier sicherlich eine umfassende und transparente Darstellungen zumindest eines Großteils der gemeinnützigen Organisationen in Deutschland. Zu den Hauptprofiteuren würden hier meiner Meinung nach in erster Linie die Organisationen selber gehören, könnten so doch Unterstützung suchende Initiativen leichter mit hilfsbereiten Menschen in Verbindung gebracht werden. Außerdem könnte durch derartige Angebote das Vertrauen in den Sektor insgesamt erhöht werden. Darauf aufbauend wären dann natürlich auch wissenschaftliche Untersuchungen und Evaluierungen leichter als bisher möglich. Auch hiervon würden gemeinnützige Organisationen natürlich profitieren, könnten diese sich doch die zusätzlichen Informationen nutzen um die von ihnen angebotenen Hilfsleistungen weiter zu verbessern.




















Erstellt am 13.6.2008 um 10:31
[...] macht auch die Evaluierung von gemeinnützigen Trägern unmöglich, was Basti Schwiecker im Helpedia-Blog [...]